Afrika? Haben wir nicht auf der Agenda. Das wird uns noch sehr leid tun. Ein Plädoyer gegen die Ignoranz. Und für eine neue Flüchtlingspolitik.
Von Heribert Prantl
Die Situation der Flüchtlinge auf der italienischen Insel Lampedusa ist seit zwei Wochen in ganz Europa bekannt. Ein Journalist hatte sich dort als Kurde getarnt eingeschlichen und über die menschenunwürdigen Zustände berichtet. Nach sieben Tagen wurde er freigelassen und aufgefordert, Italien zu verlassen. Kaum ein Flüchtling hält sich an die Anweisung. Die meisten gehen nach Norditalien, wo sie sich als Schwarzarbeiter auf dem Bau verdingen: für drei Euro Stundenlohn, ohne Pausen, ohne Sozialversicherung. Kirstin Hausen berichtet aus Mailand.
Die Todesverachtung, mit der afrikanische Flüchtlinge gegen die Zäune der spanischen Exklaven Ceuta und Melilla anrennen, beunruhigt Europa. Der afrikanische Schriftsteller Moses Isegawa, selber einnmal ein Flüchtling, erörtert, was die Menschen dazu treibt, diese Zäune zu stürmen.
Von Moses Isegawa
Nachdem sie ohne Wasser und Nahrung in der marokkanischen Wüste ausgesetzt wurden, sind jetzt 400 Flüchtlinge vom Hungertod bedroht. Die EU fordert von Marokko Aufklärung.
Das Flüchtlingsdrama in den spanischen Enklaven beschäftigt nicht nur Spanien, sondern die gesamte Europäische Union. Von Seiten der EU passiert aber zu wenig, meint Bernd Riegert in seinem Kommentar.
Der Schriftsteller Navid Kermani hat die Europäische Union aufgefordert, eine langfristige Lösung für afrikanische Flüchtlinge zu finden. Andernfalls käme es zu Situationen wie denen in den spanischen Exklaven Ceuta und Melilla, sagte Kermani am Freitag im Deutschlandradio Kultur.
Angst und Fremdenfeindlichkeit sind bei den 68.000 Bewohnern der spanischen Exklaven Ceuta und Melilla in Nordafrika an der Tagesordnung. Der Flüchtlingsansturm aus Afrika hat die Menschen verunsichert. "Entweder man stoppt die Afrikaner, oder sie werden uns verschlingen", sagt ein Kneipenwirt in Mellila. So wie er denken dort viele. In der Stadt campieren über 1600 Flüchtlinge. Einige von ihnen schlafen auf der Straße, weil das Aufnahmelager völlig überfüllt ist. Und jetzt sollen sie so schnell wie möglich nur eines: wieder weg.
Immer mehr Bootsflüchtlinge versuchen über das Mittelmeer nach Europa zu kommen. Hunger, Armut und politische Krisen lassen die Menschen aus Afrika fliehen, so das italienische Innenministerium. Viele kommen aus Eritrea - inzwischen jeder fünfte Bootsflüchtling. Dort soll das Militärregime mit den Menschenschleppern zusammenarbeiten, so der Verdacht in Italien.
In den Grenzzäunen hängen Kleidungsstücke und Stofffetzen. Afrikanische Flüchtlinge hatten sie sich an den Metallstacheln aus der Kleidung gerissen, als sie in die spanische Exklave Melilla gestürmt waren. An einigen Stellen klebt Blut am Grenzzaun zwischen Marokko und der spanischen Stadt in Nordafrika. Der jüngste Massensturm auf Melilla zeigt, dass die illegalen Zuwanderer immer verzweifelter in das spanische "Eldorado" - und damit auf das Gebiet der Europäischen Union - zu gelangen versuchen.
Alles Gerede von Prävention, oder: Vorbeugung ist wieder Makulatur. Erst müssen Menschen, Schwarze, Schwarzafrikaner an der Küste Nordafrikas buchstäblich ins Wasser gefallen und müssen vorher eine Mauer überstiegen haben, ehe man sie als Realität, als Gefahr und als Chance wahrnimmt. Die spanischen Kolonien Ceuta und Melilla, reinste Anachronismen, völlig außerhalb der Zeit und des Zeitgeistes, sind dieser Tage abermals überrannt worden.
Libyen hat eine Massenbefreiung der inhaftierten Migranten vorgenommen. Nicht nur die 205 inhaftierten Eritreer in Braq wurden entlassen, sondern auch 2800 weitere Flüchtlinge und Migranten. Alle haben eine Aufenthaltserlaubnis für drei Monate erhalten, um sich Arbeit in Libyen zu suchen.
Ukraine. Flüchtlinge auf dem Weg nach Westeuropa werden immer häufiger von der ukrainischen Grenzpolizei gefasst und inhaftiert. Die Fotografin Dörthe Hagenguth reiste mithilfe eines VG-Bilkunst-Stipendiums mehrfach in die ukrainischen Karpaten und dokumentiert die Situation mit Bildern und Interviews in einer Slideshow.
Dankesrede von Elias Bierdel zur Verleihung des Ute Bock-Preis für Zivilcourage
Elias Bierdel erhielt im Januar 2010 den Ute-Bock-Preis für seine Organisation Borderline Europe – Menschenrechte ohne Grenzen, mit der er auf das Massensterben an den europäischen Außengrenzen aufmerksam macht.
Mohammed Yussif war einer der 37 Geretteten von der "Cap Anamur". Im April 2006 starb er mit zwanzig weiteren Flüchtlingen bei einem erneuten Versuch nach Europa zu gelangen, als ihr Boot im Sturm vor Lampedusa kenterte.